Unter Wölfen oder Gebt mir den Daumen nach unten!

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten bereiten Facebook und Twitter nicht nur mir Unbehagen. Diese mächtigen Social-Media-Tools verstärken konzeptions- und anwendungsbedingt Ideen, unabhängig davon, ob diese gut oder schlecht sind.

Inzwischen liegen zahllose Analysen und Erklärungen vor, die die Wirkungsweise von Social-Media-Anwendungen beschreiben und verdeutlichen, warum die durch Algorithmen entstehende sogenannte Filterblase für jeden einzelnen ein sehr großes Problem ist. Die Filterblase belässt uns in unserer eigenen Vorstellung von der Welt und bestätigt kontinuierlich unsere Wertvorstellungen (Echokammern), ohne alternative Denkmodelle in unsere Sichtbarkeitszone einzuspielen.

Vor allem Facebook wird vorgeworfen, Gedanken extrem verstärkt zu haben. In der Wahl von Trump zum US-Präsidenten kulminiert erschreckend die Erkenntnis, dass technologische Systeme so funktionieren, wie man sie programmiert – und dass offensichtlich übersehen wurde, digitale Sicherheitsmechanismen zu integrieren zum Schutz unserer demokratisch ausgerichteten politischen Systeme.

Die Folge davon etabliert sich nun in den USA. In dem Akt der Wahl zeigt sich die Macht der einzelnen Stimme, die in diesem Fall Trump zum US-Präsidenten erkoren hat. Facebook, der hervorstechendste Social-Media-Kanal unter vielen, zeigt uns hingegen am selben Beispiel, dass wir uns nicht nur am Wahltag mit dem Gewicht unserer Stimme auseinandersetzen müssen.

Fake News, Filterblasen und Kommentare als Meinungsverstärker

Womit haben wir es zu tun, wenn es darum geht, sich über Social-Media-Kanäle eine Meinung anzueignen? Facebook dient zum Beispiel bei einer wachsenden Leserschar als wichtiger Lieferant für Informationen zur Meinungsbildung. Der Social-Media-Dienst muss sich in diesem Kontext gefallen lassen, technisch die Verbreitung auch unseriöser Informationen zu ermöglichen (beispielsweise über so genannte Fake News) und so Meinungsbildungsprozesse zu unterstützen, die nicht grundsätzlichen sozialen oder demokratischen Denkweisen entsprechen.

Facebook arbeitet laut Mark Zuckerberg verstärkt daran, Fake News aus den Newsfeeds der Nutzer herauszuhaltenDiese notwendige Anstrengung wirkt allerdings nur gegen eine dunkle Facette von Facebook. Diese Vorgehensweise hilft nur gegen Nachrichten, die Behauptungen aufstellen, die sich leicht widerlegen lassen. Hat etwa der Papst Donald Trump unterstützt? Diese Frage lässt sich nach einer schnellen Prüfung leicht mit Ja oder Nein beantworten.Zu dieser Information muss man keine eigene Einstellung entwickeln, sie sind verifizierbar. Solche Informationen lassen sich deshalb leicht in Kennzeichnungsprozessen verarbeiten, wenn sie erst einmal identifiziert worden sind. Beispielsweise, indem man sie in Spam-Verzeichnisse verschiebt. 

Einen anderen Fall haben wir, wenn wir auf Fragestellungen treffen, die nicht auf Fakten beruhen, sondern auf der individuellen Interpretation von Realität und daraus abgeleiteten Wertvorstellungen. Hilft eine Mauer, inländische Probleme mit Menschen anderer Nationalität zu lösen? Diese – für viele von uns leicht zu beantwortende – Frage lässt sich nicht für jeden einfach mit Ja oder Nein beantworten: Die Beantwortung hängt nämlich davon ab, ob man die Ausgrenzung von Menschen als probates rechtsstaatliches Mittel ansieht und dann auch einsetzen will. Solche Beiträge mit Fragestellungen ohne klare Antwortoption kann man jedoch nicht einfach löschen, will man nicht das zugrunde liegende Gebilde der Meinungsfreiheit gefährden. Trotzdem muss es Unterscheidungskriterien geben, die es ermöglichen, Beiträge mit scheinbar oder offensichtlich gemeinschaftsgefährdenden Gedankengut aus den Newsfeeds von Betrachtern herauszuhalten.

Jemand muss diese Beurteilung vornehmen. Wir können das Problem der Verantwortlichkeit aber nicht einfach auf Facebook abschieben (trotzdem finde ich den Ruf nach einer Chefredaktion bei Facebook richtig, nur nicht als erste Instanz zur Beurteilung von Weltvorstellungen). Die Fragestellung nach der Mauer fragt keinen Wahrheitsgehalt ab, sondern Einstellungen und somit einen gesellschaftlichen Konsens. Womit wir wieder beim Gewicht der einzelnen Stimme wären und dem gefährlichen Vorgang der algorithmenbasierten Interpretation von Nutzersignalen. 

Unternehmen nutzen Content-Marketing zur Verkaufsmaximierung. Facebook und andere sind auf Klickmaximierung ausgerichtet.

An diesem Punkt lässt sich ein Vorgang verdeutlichen, das aus dem Content-Marketing bekannt ist: Im Content-Marketing werden in erster Instanz die Kundeninteraktionen als Nutzersignale verstanden; diese Nutzersignale ermöglichen Rückschlüsse über den Erfolg oder Misserfolg von Content-Angeboten. Wir haben es hier mit der quantitativen Abfrage von Nutzerinteraktionen zu tun; wird die Seite häufig abgerufen? Bis wohin lesen die Kunden? Wo brechen sie die Betrachtung unserer Inhalte ab?

Ein wichtiger Ansatz ist es dann, potentielle Kunden beispielsweise über gute Bedienbarkeit auf der Website zu halten, damit er möglichst lange in unserem digitalen Ökosystem verbleibt. Nichts anderes tut Facebook mit seinen Algorithmen.

Metriken ermöglichen uns schließlich, die für uns wichtigen Kennzahlen abzuleiten. Von welcher Seite haben wir welchen Lead wegen eines Whitepapers erhalten? Hat ein potentieller Kunde jemanden aus dem Service / Vertrieb kontaktiert? Hat ein potentieller Kunde etwas eingekauft und ist zum wirklichen Kunden geworden?

Der quantitativen Abfrage folgt ein Vorgang, der die Qualität der Interaktion hinterfragt und bewertet. Bei den meisten Unternehmen wird das Content-Marketing betrieben, um die Aufmerksamkeit auf ein Produkt zu lenken, damit es gekauft wird. Die Aufmerksamkeit des potentiellen Kunden auf sich zu lenken, ist ein Mittel zum Zweck des Produktverkaufs. Unternehmen sind auf Verkaufsmaximierung ausgerichtet.

Bei Facebook und allen publizistischen Unternehmungen, die ihren Wert aus Anzeigen generieren, ist Aufmerksamkeit jedoch die Handelsware. Und alles hilft zunächst, was den Profit nach oben treibt. Facebook ist auf Klickmaximierung ausgerichtet.

Sobald Algorithmen unsere Nutzeraktionen interpretieren, befinden wir uns im Internet / in Social-Media-Kanälen in einer steten Wahlsituation.

Der Grund: Die aktuelle Technologie ist in der Lage, jede unserer Einzelinteraktionen als Bewertung unserer Realität zu interpretieren, die Folgeaktivitäten antriggern. Heißt: Unsere Art, Inhalte auszuwählen und mit ihnen zu interagieren hat Auswirkungen darauf, was uns und auch anderen angezeigt wird. Insofern müssen wir lernen, dass wir uns im Internet und in Social Media stets in einer Wahlsituation befinden.

Indem wir wählen, bewerten wir. Bei einer Wahl unterscheiden wir das nach unserem Verständnis Gute von dem Schlechten. Das Gute an einer Wahl wiederum ist, dass wir wissen, dass wir gerade wählen. In den Social-Media-Kanälen ist das anders: Hier werden unsere Aufmerksamkeitsausrichtungen fälschlicherweise ebenfalls als Wahl zwischen gut und schlecht interpretiert. Der Algorithmus unterscheidet nicht zwischen Bewertung und Auswahl. Interessant und uninteressant werden durch Algorithmen gleichgesetzt mit gut und schlecht.

Im Wahlkampf von Trump gegen Clinton wurde die Aufmerksamkeit durch diese Tools auf (gute oder schlechte) Ideen und Weltvorstellungen fokussiert und dadurch Bedeutung multipliziert. Das kann man diesen Technologien zunächst einmal nicht vorwerfen, denn sie sind auf Multiplikation hin konzipiert. Aber wir sollten nun die richtigen Schlüsse daraus ziehen, dass Technologien Gedanken vorantreiben, die nicht in demokratischen Prinzipien verankert ist.

Social-Media-Tools sind Ideen-Multiplikatoren und Bewertungsmaschinen

Betrachten wir das Thema der Ideenmultiplikation aus unserem alltäglichen Anwendung von Social-Media-Tools und aus der Sicht des Content Marketing. Aufmerksamkeit und Relevanz: Inhalte von Unternehmen sichtbar zu machen ist im Zusammenhang mit diesen Begriffen die Kernkompetenz des Content-Marketing. Dies können nützliche Informationen sein oder aber auch wertvolle Sichtweisen von Unternehmenslenkern: Mit Content-Marketing wird von Unternehmen die Kompetenz- und von Einzelpersonen die Meinungsführerschaft angestrebt. Der Schritt zu Trump ist nun sehr kurz, seine Vorgehensweisen basieren auf denselben Mechanismen.

Social-Media zwingt Unternehmen zu Höchstleistungen und kann vor schlechten Produkten schützen

Dass sich Trumps schädlichen Gedanken so verteilen konnten, entblößt eine Fehlfunktion des Mediensystems, die Verstärkung von Aufmerksamkeit durch Algorithmen und eine fehlende digitale ‚Kehrmaschine’.

Aus Kundensicht macht die Verstärkung durch Algorithmen zunächst einmal einen Sinn, denn sie schützt ihn beispielsweise vor falschen Produktkäufen. Der Bumerang-Effekt für Unternehmen, die ihre Werbeversprechen nicht einlösen, lässt sich auf Produktebene ablesen: Hier bekommen Unternehmen ihre Ware vom Kunden beispielsweise über Social-Media um die Ohren gehauen, wenn sie nicht funktioniert oder das bietet, was versprochen worden ist. In der Konsequenz wird das Produkt auch von anderen Interessenten nicht gekauft: Es kommt nicht zu dem Handel Geld gegen Ware, weil sich der potentielle Käufer aufgrund der abwertenden Rede über das Produkt für das Erzeugnis eines anderen Anbieters entscheidet.

Das Regulativ der abwertenden Rede über ein Produkt oder über eine schlechte Dienstleistung funktioniert somit recht gut eben für Produkte und Dienstleistungen. Für Unternehmen ist eine schlechte Bewertung oder gar ein Shitstorm ein hochgefährliches Vorkommnis, schneidet es das Unternehmen doch absehbar von der überlebenswichtigen finanziellen Ader ab. Insofern muss es im Interesse des Unternehmens liegen, stets eine gute Ware und einen guten Service auszuliefern, um so jede öffentliche Abwertung des Produktes zu vermeiden.

Produkt- versus Meinungsbewertungen

Die Aussagen von Kunden über Produkte sind Erfahrungsberichte. Sie verknüpfen Unternehmens- und Produktversprechen mit einem Wirklichkeitstest, der schnell belegt, dass die Versprechen eingehalten werden oder nicht. Im positiven Fall entsteht Vertrauen. Die Aussage „Das Produkt ist Mist, das hat bei mir von Anfang an nicht funktioniert“ wiegt hingegen sehr schwer, ist sie doch (erzählt) fundiert in einer erlebten Realität.

Die Aussagen von potentiellen Wählern gegen eine Meinung eines Protagonisten wie Trump basieren jedoch nicht auf einer Erfahrungsrealität, sondern auf individuellen Wertvorstellungen, die mehr oder eben weniger in einer demokratischen Denkweise verankert sind. Das damit zusammenhängende Lösungskonstrukt (‚Es braucht eine Mauer an der Grenze zu Mexiko‘) ist eben nicht direkt nachprüfbar, seine Wirkungsweise nicht direkt beleg- oder widerlegbar.

Die Abwertung vom Produkten auf der Basis einer erlebten Realität hat die erwünschte Konsequenz, dass sich Kunden vom Produkt abwenden oder die angepriesene Leistungsfähigkeit sehr stark bezweifeln. Die abwertende Rede über eine Meinung hingegen führt zunächst einmal zu einer verstärkten Sichtbarkeit beider Meinungen, der für und gegen den diskutierten Aspekt; wird beim Produktinteressenten beim Lesen sofort der Zweifel an dem Produkt verstärkt, müssen Leser zu einer Meinungsbewertung erst selbst eine eigene Position entwickeln. Der Usability-Erfahrung ‚Don’t make think‘ wird zum Paradox, wenn die guten Ideen voraussetzen, dass man sich lange mit ihnen auseinandersetzen muss.

Unsere Bequemlichkeit steht uns deshalb nicht selten im Weg, die einfache Antwort ist oft scheinbar die bessere. Und wenn es dann die Marke ‚Trump‘ über mehrere Medienkanäle schafft, schnell einen für mich akzeptablen Eindruck zu hinterlassen, dann wiegt das schwerer als jeder bis in die Tiefe geführte Streit mit Argumenten.

Abwertung und Konflikt schaffen Sichtbarkeit

Die Strategie über provokante und überzogene Versprechungen Aufmerksamkeit zu erzeugen, wird auf Produktebene schnell zum zerstörerischen Boomerang. Auf der Meinungsebene hilft sie, sich gegen andere Wettbewerber in die Sichtbarkeitszone zu drängen, vor allem, wenn die Einlösbarkeit der Versprechungen nicht nachzuprüfen sind. Der Handel von Inhalt gegen Aufmerksamkeit hat zudem den Haken, dass man erst Aufmerksamkeit liefern muss, bevor man den Inhalt bekommt. Während die Sichtbarkeit bei  Produktbewertungen sinnvoll ist, ist sie bei nicht wenigen Meinungen schädlich.

Die Reizüberflutung fordert fast schon extreme Positionen, die ‚ins Hirn knallen’

Es ist somit kein Wunder und der Mechanismus nun in seiner Kraft offensichtlich, dass Trump sich so extrem in der Öffentlichkeit positionieren konnte. Die Reizüberflutung ist zum Problem geworden: Nur noch die ungewöhnliche, andersartige, sich bis ins Extreme differenzierende Information schafft es ins Bewusstsein des Betrachters. Und die Nachricht muss kurz sein, sie muss direkt „ins Hirn knallen“. Und was knallt mehr ins Hirn als das, was uns emotional berührt und irgendwie reizt? Angst und Gier, die gefährlichen Gestaltungskomponenten von Realität, wurden von Trump bewusst oder unbewusst ausgenutzt, beispielsweise indem er mit seinen Proklamationen die Mauer als Schutzwall gegen das Fremde etabliert hat.

Wir gehen den Mechanismen auf den Leim, der uns bewusst sein sollte: Auch ich will es deshalb ganz deutlich (wie unter anderen Tapio Liller) sagen: Wir sind alle selbst schuld, dass es soweit gekommen ist, dass sowas überhaupt möglich ist. Mit ‚Wir’ meine ich alle, die Unterhaltung über den Wert der richtigen Information stellen und die aus Bequemlichkeit nicht ihre Stimme erheben und ein Gegengewicht zur geäußerten Dummheit aufbauen. Ich schließe mich da ausdrücklich mit ein.

Content-Marketer sollten am besten wissen, auf welchen Mechanismen die Verbreitung von Ideen basiert. Google treibt die Informationen nach vorne, die unter anderem ihre Bedeutung durch die Interaktion des Lesers mit dem Content bewiesen haben. Facebook treibt die Beiträge weiter in die Sichtbarkeitszone, die häufig angeklickt und gelesen bzw. mit denen stark interagiert wird. Algorithmen interpretieren Interaktionen als Relevanz. Nach welchen Kriterien genau diese Inhalte in den Sichtbarkeitsbereich geschoben werden, ist nicht bekannt, weil die Algorithmen dahinter nicht bekannt sind. Wir wissen nicht genau, welche Interaktionen welche Inhalte treiben.

alles_nur_luege

Grundsätzlich erhalten aber zahlreich kommentierte Informationen in unserer Wahrnehmung ein schwereres Gewicht als Inhalte, auf die niemand reagiert. Die Bestätigung durch andere ist ein starkes Signal, um die Richtigkeit einer Aussage zu anzunehmen.

Dies öffnet zusätzlich der Manipulation Tür und Tor. Denn wenn etwas häufig kommentiert wurde, scheint es wichtig zu sein. Wird einem Facebook-Nutzer eine Aussage untergejubelt, die (vorgegeben) von vielen kommentiert wurde, besteht die Gefahr, dass er diese Weltvorstellung und die abgeleiteten Schlussfolgerungen als stimmig erachtet und seine Handlungsweise daran ausrichtet.

Wenn Personen wie Trump oder Parteien wie die AfD gefährlichen Blödsinn in den Äther posaunen, ist es unsere Interaktion mit diesen gefährlichen Aussagen, die diese Inhalte sichtbarer macht. Und warum interagieren wir mit diesen Aussagen? Weil sie uns erschrecken, uns fassungslos machen oder im schlimmsten Fall amüsieren aufgrund ihrer Dämlichkeit. Unsere Angst, unsere Bequemlichkeit und unsere Arroganz treiben diese Ideen in die Sichtbarkeitszone, und aus eben noch dämlichen Ideen werden gefährliche.

Wir brauchen bessere Bewertungsfunktionen in den Social-Media-Kanälen

Das Prinzip der abwertenden Rede funktioniert nicht bei Meinungen. Das aktuell installierte technologische System basiert darauf, jegliche Meinung mit hoher Interaktion zu verstärken. Wir brauchen aber bei Meinungen die Möglichkeit, über die negative Bewertung demokratiegefährdende Gedanken aus der Sichtbarkeitszone zu treiben. Aus dem Wettbewerb um Aufmerksamkeit muss ein virtueller Kampf gegen Sichtbarkeit werden, bevor wir in Realiter aufeinander losgehen.

Wie kann eine Entwertungsfunktion konkret aussehen?

  • Wir brauchen den Daumen-nach-unten-Button in Facebook. Wenn ein Beitrag sehr viel Zustimmung bekommt und sehr viel Ablehnung, sollen diese Stimmen gegeneinander gerechnet und nivelliert werden. (Facebook war übrigens bisher nicht an einem ‚Dislike‘-Button interessiert.)
  • Wir brauchen also Facebook-Buttons, die eine Meinung positiv oder negativ als Meinung kennzeichnen und die guten verstärken und die schlechten dahin transportieren, wo sie hingehören: in den digitalen Mülleimer der Unsichtbarkeit.
  • Identifiziert und löscht manipulierend eingesetzte Bots. Falls jemand wirklich den ganzen Tag im Minutentakt liked, shared, kommentiert, zwingt ihn zu Identifzierung als Mensch. Beiträge von Kommentatoren, die sich nicht als menschlich identifiziert haben, sollten mit „possibly bot“ gekennzeichnet und in ihrem Bewertungsgewicht reduziert werden.
  • Wenn jemand eine Menge gut bewerteter Beiträge geschrieben hat, dann sollte ihm das angerechnet werden. Es sollte seiner Bewertung eine größere Schwere geben mit der Konsequenz, dass seine Abwertung eines anderen Beitrags dessen Chance gesehen zu werden erheblich verringert.
  • Gebt mir PowerUps, die ich Personen verteilen kann, die Meinungen vertreten, die meinen Grundprinzipien entsprechen. Ich möchte ihre Bewertungsrelevanz stärken, und dadurch  mein eigenes Bedeutungs- und Wertenetzwerk aufbauen, das mit meinen Wertvorstellungen einhergeht.
  • Und vor allem: Veröffentlicht die Bewertungsalgorithmen von Einzelinteraktionen und ihre Grundlagen.

Gemeinschaft heißt, aufeinander aufzupassen

Es gibt hier noch viel zu tun. Mark Zuckerbergs Aussage von 2014 erscheint nach der US-Wahl in einem anderen Licht: „The like button is really valuable because it’s a way for you to very quickly express a positive emotion or sentiment when someone puts themselves out there and shares something. Some people have asked for a dislike button because they want to be able to say, “That thing isn’t good.” That’s not something that we think is good. We’re not going to build that, and I don’t think there needs to be a voting mechanism on Facebook about whether posts are good or bad. I don’t think that’s socially very valuable or good for the community to help people share the important moments in their lives.“

Das Gegenteil ist richtig: Wir müssen gegenseitig auf uns aufpassen und auf unsere Diskurswerkzeuge. Und wir müssen am richtigen Ort zur richtigen Zeit die Stimme erheben und eine digitale und soziale Hygiene unterstützen.

Wir benötigen dazu eine Kultur der Selbstdisziplin. In der wir uns zusammenreißen und mithelfen, den Müll rauszutragen. Damit die, die Gefahr laufen, von subversiven Ideen überzeugt zu werden, nicht im Gestank anfangen, selber zu stinken.

Und natürlich müssen wir für uns definieren, was gut und schlecht bedeutet, nur falls jemand auf die Idee kommt, die Frage zustellen, wer denn bewerten sollte, was in den digitalen Mülleimer gehört. Aber wer soll diese Aufgabe übernehmen?

Brauchen wir einen Ethik-Codex für Unternehmen?

Betrachtet man, wie Facebook Verantwortung übernimmt oder von sich weist, sollte man den nächsten Gedanken verfolgen. Ein grundsätzlich guter Ansatz stammt von Andreas Quinkert, auf dessen Artikel von Zielbar.de ich erneut kurz vor der US-Wahl gestoßen bin. Er hat ihn dort am 1. September 2016 veröffentlicht mit dem Titel: „Braucht Content-Marketing einen eigenen Ethik-Kodex?“ In diesem Artikel stellt Quinkert die Frage, ob es für Unternehmen nicht einen Ethik-Kodex geben müsste, an dem sie sich bei ihren Veröffentlichungen im Rahmen ihrer Content-Marketing-Aktivitäten orientieren sollten –  weil sie zunehmend in Konkurrenz treten zu klassischen Medien und wie diese redaktionell aufbereitete Inhalte zur Verfügung stellen. Die zugrunde liegende Problematik führt er folgendermaßen aus:

„Das ist insofern problematisch, als Content-Marketing zwar ebenso wie der Journalismus im Kern Zielgruppen mit Informationen versorgt, die jeweilige Motivation aber grundverschieden ist. So haben die klassischen Medien einen demokratischen Auftrag und tragen als „Vierte Gewalt“ zu Aufklärung, Meinungsbildung, Kritik und Kontrolle innerhalb von pluralistischen Gesellschaften bei. (Content-)Marketing hingegen verfolgt unternehmerische Ziele und ist ein Instrument der Unternehmensstrategie.“

Ich habe seinen Text schon kurz nach der Publikation gelesen und dann nicht weiter beachtet. Weil er in meinem Kontext für mich nicht von Bedeutung gewesen ist. Nun aber fallen Überlegungen von Quinkert wie die „Sorgfaltspflicht gegenüber der Öffentlichkeit“ für mich mehr ins Gewicht. Insbesondere, wenn wir über das postfaktische Zeitalter reden, in dem Personen wie Trump aufgrund ihrer medialen Präsenz extrem meinungsbildend sind und ihre Position ausnutzen, um Menschen interessengeleitet zu belügen.

Unternehmen streben systembedingt die Gewinnmaximierung an. Eine menschenfreundliche Verhaltensweise ist kein intrinsisches Motiv von Unternehmen.

Ich finde Quinkerts Gedankengänge sehr überlegenswert. Seine oben zitierte Aussage aber verweist auf die nicht per Ethik-Kodex zu knackende Nuss: Unternehmen agieren interessengeleitet (wie die Marke Trump). Ich glaube deshalb nicht per se an die Wirkung eines Ethik-Kodex für Unternehmen. Unternehmen streben systembedingt die Gewinnmaximierung an. Eine menschenfreundliche Verhaltensweise ist kein intrinsisches Motiv von Unternehmen.

Ich glaube deshalb in diesem Fall an Marktmechanismen und die Macht des Kunden: Eine an einer Ethik ausgerichtete Verhaltensweise von Unternehmen kann der Gewinnmaximierung dienlich sein als Konsequenz einer Marktanforderung.

Womit wir es nämlich zu tun haben, wenn wir über einen Ethik-Kodex reden, macht Ferdinand Lassalles Rede „Über Verfassungswesen“ von 1862 deutlich. Am Anfang seiner Rede stellt er die Frage: „Ich wiederhole also meine Frage: was ist eine Verfassung, was ist das Wesen, der Begriff einer Verfassung?“ um sie nach erklärenden Ausführungen so zu beantworten:

Gibt es denn nun aber etwas in einem Lande, meine Herren, – und bei dieser Frage beginnt nun allmählich das volle Licht hereinzubrechen – gibt es denn etwas in einem Lande, eine bestimmende tätige Kraft, welche auf alle Gesetze, die in diesem Lande erlassen werden, derart einwirkt, daß sie in einem gewissen Umfange notwendig so und nicht anders werden wie sie eben sind?

Ei freilich, meine Herren, gibt es so etwas und dies Etwas ist nichts anderes als – die tatsächlichen Machtverhältnisse, die in einer gegebenen Gesellschaft bestehen.

Die tatsächlichen Machtverhältnisse, die in einer jeden Gesellschaft bestehen, sind jene tätig wirkende Kraft, welche alle Gesetze und rechtlichen Einrichtungen dieser Gesellschaft so bestimmt, daß sie im wesentlichen gar nicht anders sein können, als sie eben sind.

[…]

Wir haben jetzt also gesehen, meine Herren, was die Verfassung eines Landes ist, nämlich: die in einem Lande bestehenden tatsächlichen Machtverhältnisse.

Lassalles Aussage ist, dass schriftlich fixierte Verfassungen das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben worden sind, wenn sie nicht mit den real existierenden Machtverhältnissen übereinstimmen und diese dort abbilden.

Unternehmen reagieren nur auf den Druck von Kunden. Das real existierende Machtverhältnis zwischen Unternehmen und Kunden drücken wir aus, wenn wir von einem Käufer- oder Verkäufermarkt reden.

Führt man diesen Gedanken zurück auf die Unternehmen, versteht man besser die Macht des Kunden im Gegensatz zu einem schriftlich fixierten Ethik-Kodex. Unternehmen reagieren nur auf den Druck von Kunden. Das real existierende Machtverhältnis zwischen Unternehmen und Kunden drücken wir aus, wenn wir von einem Käufer- oder Verkäufermarkt reden.

Insofern müssen wir unsere Anforderungen an Unternehmen wie Facebook und Twitter oder an Personen aus der Öffentlichkeit weitergeben. Sie haben eine Sorgfaltspflicht gegenüber der Öffentlichkeit. Wir müssen den Druck auf Facebook und andere Social-Media-Wettbewerber erhöhen, uns Tools und Algorithmen bereitzustellen, mit denen wir wenigstens die Chance haben, subversives Gedankengut durch die massenhafte Gegenbewertung aus der Sichtbarkeitszone zu treiben.

Aber folgen wir nicht dem trumpschen Impuls, mit dem Finger nur auf andere zu zeigen. Nochmal: Wir alle stehen als Öffentlichkeit in der Pflicht, die Zusammenhänge und unsere Verantwortung  genau zu hinterfragen. Ein Ethik-Kodex hat nicht die Kraft, etwas durchzusetzen, das nicht in der Realität verhaftet ist.

Womit wir zum Ende dieses Artikels kommen. Wir als Gemeinschaft überlassen aus unserer Unbedarftheit heraus vielleicht viel zu sehr subversivem Gedankengut den virtuellen Raum. Der Spaßraum kleiner Gruppen hat sich in einen öffentlichen, politischen Raum gewandelt.

Es ist letztlich ein alter Kampf um das ‚richtige’ Modell vom Menschen. Homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf: Da draußen gibt es einige, die sich für eine Denkweise entschieden haben, die nicht im Demokratischen fußt und die sich Sündenböcke sucht, an denen sie ihren aus Neid geborenen Furor entladen kann. Und wenige davon manipulieren die Wehrbereiten.

Wir, die Gutmenschen.

Und es gibt einige (ich hoffe mehr), die für eine Gemeinschaft der Anständigen eintritt, die aufeinander aufpassen. Wir, ich zähle uns dazu, die Gutmenschen, die Demokratie als Freiheitsraum begreifen, in dem jeder nach seinen Fähigkeiten agieren kann und darf. Wir, die Gutmenschen, die allen nur das Beste wünschen. Und die sich dann doch im richtigen Moment in die falsche Richtung weggedreht haben, um das Elend nicht zu sehen. Wir Gutmenschen.

Denn, ich glaube, es gibt die Vielen, die wir auch in Deutschland aktuell nicht sehen, die ihre Meinung nicht kundtun, die sich vielleicht noch nicht für eine Seite entschieden haben. Diese gilt es, von unserer Sichtweise zu überzeugen, damit sie an unsere Seite treten. Bevor sie sich für die andere Seite entscheiden und so mächtig sind, dass sie uns auf ihre Seite zwingen.

Und es gibt eventuell noch zwei weitere Gruppen: Die eine Gruppe, die aufgrund finanzieller Armut und dem nicht erlernten Vermögen nicht in der Lage ist, sich kundzutun. Die still leidet, ohne dass sie in unsere Sichtbarkeitszone geraten, weil wir sie nicht wahrnehmen wollen. Und, zu guter Letzt, noch eine von uns nicht gesehene Gruppe, die benachteiligt vor sich hin existiert und die sich längst für die andere Seite entschieden hat, aber im Moment nur unsichtbar die Füße still hält, bis ihr Moment gekommen ist.

Armut und soziale Ausgrenzung in Deutschland, 2015

Die Statistik zeigt den Anteil der von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffenen Bevölkerung in Deutschland im Jahr 2015. Insgesamt waren 20,0 Prozent der Bevölkerung in Deutschland im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen.„, Statista.

Statistik: Anteil der von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffenen Bevölkerung in Deutschland im Jahr 2015 | Statista
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Es gibt sie, die Spezies Wolf. Und sie tritt in Rudeln auf.

Es hilft nichts, uns selbst zu zerfleischen. Es gibt sie, die Spezies Wolf. Und sie tritt in Rudeln auf. Das sollte uns Angst machen.

Ich glaube an die Macht des Kunden, um Facebook an die Leine zu nehmen. Ich glaube an die Kraft der einzelnen Stimme, die im Einklang mit anderen Stimmen Gewaltiges bewegen kann. Und leider glaube ich auch an unsere Bequemlichkeit, die uns zum Verhängnis werden kann. Ja, die Kraft unserer Gesellschaft liegt in der Freiheit, jede einzelne Stimme sprechen und erschallen zu lassen, damit sie ihre Meinung kundtut. Wir brauchen dazu die richtigen Werkzeuge, um den öffentlichen, politischen Raum von subversiven Gedanken zu säubern. Und den Mut eines jeden, seine Meinung zu sagen.

Vor allem aber brauchen wir einen unverstellten Blick auf die Wahrheit. Um zu sehen, dass es da draußen Menschen gibt, die es nicht schaffen und die wir vielleicht wirklich alleine gelassen haben mit unserem demokratischen, neoliberalistischen Politiksystem. Die nicht nur im virtuellen Raum Unterstützung brauchen.

Ich glaube an reale Machtverhältnisse zur Durchsetzung von Interessen. Dieser Möglichkeit müssen wir uns in Realiter stellen, und vielleicht ist dies die Nachricht, die nun aus Amerika zu uns rüberschwappt – dass unser Wertverteilungssystem eine zu große Anzahl Benachteiligter erzeugt hat, die nur noch darauf warten, sich in ihrer Angst vor der Zukunft das zu holen, was wir ihnen in unserem intellektuellen blinden Fleck nicht vollumfänglich gewährt haben: soziale Gerechtigkeit. Und am Ende steht eine Frage im Raum, die jeder für sich beantworten muss. Wer ist wirklich der Wolf?